Wer am lautesten brüllt…

Neonazismus und Pädophilie

Am 06. Februar 2010 marschierten rund 200 gewaltbereite Neonazis in Marl auf, um für eine „Todesstrafe für Kinderschänder“ zu demonstrieren. Dabei nutzten sie den Fall eines Mannes aus, der nach der Absitzung seiner Haftstrafe wegen diverser an Minderjährigen vergangener Sexualstraftaten nicht durch nachträgliche Anordnung einer Sicherungsverwahrung zum Verbleib in behördlicher Obhut gezwungen werden konnte. Diese Praxis hatte der europäische Gerichtshof für Menschenrechte für menschenrechtswidrig eingestuft und damit das Freikommen einer nicht unrelevanten Menge von Sexualstraftätern ermöglicht, die von den Behörden aber nach wie vor als gefährlich eingestuft werden. So weit so bekannt.

Weniger bekannt dürften drei Fallbeispiele aus der jüngeren Vergangenheit sein, die mal wieder zeigen, wieso gerade bei jenen, die am lautesten brüllen, die meiste Obacht geboten ist.

Im April 2009 besprühten 3 Neonazis die Front eines alternativen Jugendtreffpunkts in Kamen. Im Internet hatte einer der drei, Alexander Wilhelm, in wirren nationalsozialistischen Pamphleten auch immer wieder das Lebensrecht von Kindsvergewaltigern („Kinderschänder“) für nichtig erklärt und gefordert, sie aufzuhängen. Weil sich die 3 Neonazis, die im Kreis Unna immer wieder strafrechtlich aufgefallen waren, bei ihrer Sprühaktion erwischen ließen, durchsuchte die Polizei darauf folgend die Privaträume der Rechten. Bei einem nun 20jährigen Böner Neonazi fand die Polizei dann einen Bestand von 60 Filmen mit kinderpornographischem Material. Die Verhandlungen um diesen ausgesonderten Tatbestand dauern momentan noch an.
Quelle: DerWesten

Am 24. Mai beginnt in Bochum ein Verfahren gegen den 19jährigen Neonazi Andre Zimmer. Zimmer war bis vor kurzem „Jugendbeauftragter“ der NPD in Bochum und fiel der Polizei durch mehrere Brandstiftungen, Pfeffersprayattacken auf Linke und neonazistische Schmierereien auf. Noch am 20.01.11 forderte die Bochumer NPD anlässlich eines aufgrund der momentanen Gesetzeslage aus der Sicherungsverwahrung entlassenen Kindsvergewaltigers: „Höchststrafe für Kinderschänder! Todesstrafe für Kindermörder!“. Als die Polizei bei einer der neonazistischen Straftaten das Handy von Andre Zimmer konfiszierte, fand sie auf der Festplatte ebenfalls kinderpornographisches Material. Die Anklage wurde nun um diesen Punkt erweitert. Reaktion der NPD: „Aufgrund aktueller Zeitungsberichte und öffentlicher Vorverurteilungen“ und „nach einem Gespräch mit dem Kreisvorsitzenden“ habe sich der „junge NPD-Aktivist“ dazu entschlossen, seine Mitgliedschaft in der NPD und sein Amt als „Jugendbeauftragter“ vorerst ruhen zu lassen. Zu den Vorwürfen der Kinderpornographie kein Wort, stattdessen weiter im Text: „Der Entschluß, die Mitgliedschaft und das Amt zum Schutz der Partei bis zur endgültigen Klärung ruhen zu lassen zeugt von Größe und wird von mir respektiert.“
Bochumer Antifaschist_innen beobachten den Prozess gegen Andre Zimmer und werden gerade auch auf diesen Aspekt achten.
Quelle: NRW rechtsaußen, WAZ Bochum (print)

Im Aril 2010 fand vor dem Bonner Landgericht ein Prozess gegen den NPD-Mann Dominique Oster statt. Oster hatte fünf Jahre für die NPD ein Kreistagsmandat im Rhein-Sieg-Kreis ausgefüllt. Zu seinen Neonaziaktivitäten gehörten ebenfalls Internetauftritte, in denen er die ganze Bandbreite neonazistischer Ideologie abdeckte. Besonders angetan hatten es ihm Straftäter bzw. das Thema „Sicherheit“, vorallem in Bezug auf Migrant_innen. Auf einem Internetblog kopierte er in täglicher Akkordarbeit Meldungen der Polizeipresse über Straftaten, die ihm seiner Neonazipropaganda dienlich waren. Osters tägliches Engagement gegen Kriminalität aber kommt nicht von ungefähr: Bereits 2004 musste er sich wegen einer Vergewaltigung vor Gericht verantworten, wurde aber mangels Beweise freigesprochen. Seinem Opfer hat der Neonazi zuvor von begangenen Vergewaltigungen an einem Kleinkind erzählt. Von 2007 bis 2008 stellte der 37jährige einer 15jährigen mit hunderten E-Mails, Telefonanrufen und Briefen nach. Bereits verurteilt war wegen Bedrohung gewesen, weil er ihr in einem Brief von einer Vergewaltigungsphantasie erzählt hatte. In den Jahren 2001 bis 2003 soll es, so die nun gültige Verurteilung, zu mindestens 6 Vergewaltigungen an der anfangs 4 Jahre alten Tochter seiner damaligen Freundin gekommen sein. Oster hat die Vorwürfe frühzeitig gestanden und sitzt nun für fast 5 Jahre im Gefängnis. Eine nachträgliche Sicherungsverwahrung ist für Oster nicht angeordnet worden.
Quelle: General-Anzeiger Bonn

Dass sich ausgerechnet Menschen mit eigenen zweifelhaften sexuellen Vorlieben besonders laut gegen solche aussprechen, die sie auch haben, verwundert nur oberflächlich. Es bedarf nicht viel mehr als eines bisschen Küchentischpsychologie, um die individuelle Motivation zu verstehen. Von pädophiler Störung der Sexualobjektentwicklung betroffene Menschen tragen aufgrund der öffentlichen Ächtung dieser Neigung, insbesondere ihrer Ausführung in dann notwendig uneinvernehmlichen, weil an Kindern begangenen Sexualakten, eine große Unsicherheit mit sich herum. Weil sie nicht in Verdacht geraten wollen, beteiligen sie sich nicht selten besonders laut an öffentlichen Verurteilungen anderer Pädophiler. Dies stellt eine Strategie der Verdrängung des eigenen Problems dar. Eigenschaften, die eigentlich einem selbst anhaften, werden auf andere projiziert und dort scheinbar bekämpft. Diese Bekämpfung ist aber nur oberflächlich, die Fehlentwicklung der eigenen Sexualität bleibt bestehen. Die Neigung, in Berufe, die mit Kindern zu tun haben, einzusteigen, ist zwar zuerst Teil dieser Bewältigungsstrategie – mit der fatalen Auswirkung aber, dass der ständige Kontakt zu Kindern die Gelegenheiten zu ihrer sexuelle Ausbeutung und zu sexuellen Übergriffen mit sich bringt. Auch die Eingliederung in autoritäre Gruppen oder Parteien, in denen gemeinsam pädophile Neigungen öffentlich als auch intern bis aufs äußerste verurteilt werden, ist eine nachvollziehbare Strategie der von der Neigung betroffenen. Die Autorität der Gruppe stattet die Individuen in der Folge der gegen „Kinderschänder“ gerichtete Sprechakte mit dem Schein aus, als besonders stark gegen diese Neigungen engagierter Mensch gerade deshalb nicht diesen Neigungen angehörig sein zu können.
Schon 1933 wurde im Rahmen der Forschungen der Psychoanalyse Zusammenhänge zwischen autoritäter Triebunterdrückung auf der einen und faschistischer Ideologie auf der anderen Seite diskutiert. Das autoritäre Kollektiv stattet die Individuen dabei mit einer für alle verbindlichen Sexualethik aus, die fortwährend zu bestätigen eine Erleichterung für die über ihre eigene Sexualität verwirrten darstellt. Trotzdem entladen sich Triebunterdrückungen zyklisch, wenn auch nicht unbedingt in direkt sexuellen Kontext. Die rassistische Ausgrenzung als auch Pogrome gegen ethnische Minderheite, auf die ein hypersexuelles Wesen projiziert, die vermutete Weigerung, sich an der kollektiven Triebunterdrückung zu beteiligen beneidet wird, lassen sich unter anderem auch aus diesen im Kern sexuellen Motiven lesen. Die öffentllich dargestellte sexuelle Enthaltsamkeit Adolf Hitlers auf der einen, seine durchaus sexualisierte kollektive Verehrung auf der anderen Seite enthält ebenfalls diesen Spannungsbogen.

Dass in den aktuellen Fällen in Nordrhein-Westfalen, in denen die Pädophilie gerade von Neonazis aufgedeckt wurde, eine statistisch auffällige Höhe der „Treffer“ festzustellen ist, vergleicht man die 3 Fälle mit der Gesamtzahl von Haus- und Datenträgerdurchsuchungen, denen sich Neonazis in NRW in den letzten Jahren unterziehen mussten, sollte aus dieser Perspektive nicht mehr überraschen. Die Affinität vieler junger Neonazis, früh eine Familie mit Nachwuchs zu gründen bzw. andersherum, dass sich gerade junge Eltern oft in Neonazigruppen engagieren, sollte unter anderem auch aus dieser Sichtweise betrachtet werden. Die plötzliche Nähe von „Bürgern“ zu Neonazis in diesem Thema, wie z.B. bei einer Demonstration im Juni 2009 in Dorsten, die von den Eltern einer Betroffenen unter völlig fragwürdigen Parolen und öffentlichen Äußerungen organisiert und beworben wurde, passt in diesen Kontext. Wer am lautesten brüllt…

antifa.marl, April 2011